Das Prinzip der Recherche bei BURN OUT – DOPE IN

von Herike Johanssen (Studentin Darstellendes Spiel, Leipnitz Universität Hannover)

„Wie können gesellschaftlich relevante Diskurse auf der Bühne dargestellt werden?“, „Wie wird Lebenswirklichkeit ‚pur’ auf die Bühne gebracht?“, „Inwiefern werden Verfahren der theatralen Feldforschung auch noch im Aufführungsergebnis sichtbar?“ und „Was heißt „Forschung mit den Mitteln des Theaters“ (Tobias Rausch) mit Blick auf theaterpädagogische Formate im schulischen und außerschulischen Bereich?“. Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Seminar „Recherche, Dichtung, Inszenierung“ an der Leibniz Universität Hannover im Studiengang Darstellendes Spiel im Winter Semester 2013/14. Im Rahmen des Seminars stieß ich, Henrike Johanssen, als Teilnehmerin auf die Arbeit von lunatiks produktion. Das Theaterkollektiv aus Berlin steckte mitten im zweijährigen Projekt „RADAR.INSTITUT für performative Recherche“ in Kiel, das vom Fonds Doppelpass gefördert wurde. In acht Projekten schwärmten die Teams des RADAR.INSTITUTS in die Stadt aus und befragten die Einwohner von Kiel nach ihren Geschichten, Utopien und Lebensentwürfen. Mit Beteiligung der Bevölkerung wurden in zwei Jahren Workshops, Inszenierungen und Performances entwickelt.
Für mich als Studentin der Theaterpädagogik war von besonderem Interesse, wie der Rechercheprozess für ein Theaterstück verläuft und wie das Material für die Bühne nutzbar gemacht wird. Auf welche Schwierigkeiten stößt man bei der Informationsbeschaffung, und wie verfremdet man die Biografien der Interviewten ohne sie zu stark zu verändern?
In einem persönlichen Interview sprachen die Kuratorin Janette Mickan und Tobias Rausch, der künstlerische Leiter des Projekts mit mir über ihre Arbeit in Kiel, das Recherche-Theaterstück „Burn Out. Dope In“ und die Intention, sich mit dem Leistungsdruck im Sport zu beschäftigen. Wo liegt die Leistungsgrenze von Sportlern?“ und „Was passiert, wenn diese überschritten werden?“ – diesen Fragen ging das Theaterkollektiv lunatiks in rund 70 Interviews mit Sportwissenschaftlern, Leistungssportlern, Trainern und Funktionären auf den Grund.

Zu Beginn der Recherche nahm das Team von lunatiks produktion Kontakt zu Sportverbänden, der sportwissenschaftlichen Fakultät in Kiel und einem Sportinternat auf dem Marinestützpunkt auf, um sich ein Bild über das Thema machen zu können.
Diese ersten Kontakte dienten als Multiplikatoren, um an für das Projekt interessante Menschen und Geschichten zu gelangen. Tobias Rausch sagte dazu, dass „die ersten Interviews, die man führt, meist gar nicht in das Stück kommen. Diese Sportler/innen haben hauptsächlich einen repräsentativen Charakter für die Vereine. An die Geschichten, die nicht unbedingt im Sinne der Vereine stehen, kommt man durch Empfehlungen und verschiedene Wege.“
„Das interessante an dem Feld ist, dass es so vielfältig ist. Es gibt so viele Menschen, die mit Sport zu tun haben.“, berichtet Janette Mickan. Durch die Multiplikatoren zu Beginn der Recherche komme man schon in der Vorarbeit mit verschiedensten Menschen in Kontakt, die alle etwas zu dem Thema beitragen können.
Weitere Interviewpartner fand lunatiks produktion durch einen Zeitungsaufruf. Hier wurde darauf geachtet, die Pressemitteilung explizit für Sportler/innen zu formulieren, die unter Zwängen im Sport leiden oder litten. Der Sportler, der jedes Jahr knapp den Kader verpasst, sei interessanter für das Theater von Tobias Rausch als derjenige, der von den Medien zum Helden und Gewinner konstruiert wurde. „Mehr als die Protagonisten interessieren uns immer die Statisten, die zwar mitspielen und die Geschichten mit beeinflussen, aber für die Dramaturgie der Medien nicht verwertbar sind.“
Diese Sportler/innen hätten (oft) keine Entscheidungsfreiheit über ihr Leben, sie flögen einfach nur mit ohne sagen zu können, wohin.
Die Vielschichtigkeit der Recherche erklärt Tobias Rausch mit der Fliegentaktik. Eine Fliege ist in einer Flasche gefangen, die mit der Öffnung nach unten zeigt. Zusätzlich wird die Flasche von oben beleuchtet. Die Fliege findet den Ausgang, indem sie kreuz und quer durch die Flasche fliegt und dadurch zufällig aus der Öffnung heraus kommt.
Eine Biene in der selben Flasche fliegt gezielt zum Licht, da dies der eigentliche Weg zum Überleben ist. Dadurch stirbt sie, obwohl sie strategisch richtig gehandelt hat.
Rausch betont, dass strategisches Vorgehen in einem Recherchetheaterstück einen nicht zu den spannenden Geschichten bringe, sondern, dass „es ganz viele Wege gibt, von denen zwar manche im Morast enden, aber einer an einen Ort führen kann, der nicht auf der Karte angezeigt war. Hier ist man plötzlich begeistert von den Leuten, die dort leben.“
Um während der Recherche an die wirklich interessanten Geschichten unter der Oberfläche heran zu kommen, hat das Team von lunatiks produktion eine Interviewtechnik entwickelt, die „Biografisches Tiefeninterview“ genannt wird.
„Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch eine Art Selbstinterpretation hat. Das ist das, was die Leute zu Beginn des Interviews erzählen, so wie sie sich selber sehen.“ Die Erfahrung zeigt, dass erst nach den ersten zwanzig Minuten diese gewohnte Erzählstrategie der interviewten Person durchbrochen werden kann. Daher wird versucht, wird den Befragten beim Biografischen Tiefeninterview in die Vergangenheit zurück zu bringen. „Irgendwann kommt bei den meisten der innere Film wieder zum Laufen und man kann sich an Sachen und Ereignisse erinnern, die noch nie wirklich wahrgenommen wurden. Im Prinzip ist diese Person wie ein Durchlauferhitzer, durch den viele Bilder und Erlebnisse durchgelaufen sind und wir zapfen ihn während des Interviews an.“

Die etwa 70 geführten Interviews wurden transkribiert und anonymisiert. Durch die Verschriftlichung findet eine Art Literarisierung statt, in der Figuren zu Interpretation entstehen, bemerkt Micken. Meist sind die Mitglieder aus dem Rechercheteam danach nicht in den Prozess der Stückentwicklung involviert, weil sie oft befangen sind durch die persönliche Kenntnis des Interview-Partners. Das kann die Kreativität der Schauspieler beim lesen und improvisieren hemmen, da sie das Gefühl haben könnten, eine Art „Aufpasser“ sitze mit im Raum, der die Authentizität der Spieler überprüft.
Die Schauspieler/innen und Tobias Rausch als Regisseur durchsuchen die aufgeschriebenen Geschichten und werden zu professionellen Biografieforschern. „Es geht im Stückschreibeprozess nicht darum, die Geschichten noch einmal nachzuspielen, sondern darum, in den Geschichten etwas Allgemeines zu finden, das sich für die Bühne eignet.“
Die Kunst solle als Filter dienen, um Knotenpunkte aus mehreren Geschichten übereinander zu legen. „Wir erzählen zwar immer Geschichten von Einzelnen. Aber die Figuren, die dann im Stück auftauchen, können aus zusammengeflossenen Biografien entstehen.“ Dieser Vorgang der Verfremdung sei sehr wichtig, da die Interviewten teilweise heikle Informationen in ihren Aussagen preisgeben und daher auf der Bühne geschützt werden müssten.

Für mich als Studentin der Theaterpädagogik war von besonderem Interesse, wie der Rechercheprozess für ein Theaterstück verläuft und wie das Material für die Bühne nutzbar gemacht wird. Auf welche Schwierigkeiten stößt man bei der Informationsbeschaffung, und wie verfremdet man die Biografien der Interviewten ohne sie zu stark zu verändern?
Das Theaterstück „Burn Out. Dope In“ zeigte mir, wie verschiedenste biografische Geschichten zusammengefasst und in einen Rahmen gebracht werden können. Ich wurde als Zuschauer sowohl durch die Geschichten als auch den Ort des Geschehens in das Theaterstück integriert und konnte dadurch die vom Ensemble gelegten Spuren nachvollziehen und auf meine Lebenswirklichkeit übertragen. Die Schauspieler/innen wurden zu Sportler/innen und das Uni Sportforum zu einer Institution in der Zukunft. Für drei Stunden befand ich mich nicht im „heute“, sondern in einer, durch theatrale Arbeit, entstandenen Welt.

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